{"id":229,"date":"2015-01-27T16:50:38","date_gmt":"2015-01-27T16:50:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/K\/?p=229"},"modified":"2015-05-12T07:40:00","modified_gmt":"2015-05-12T07:40:00","slug":"150127-leerer-stuhl-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/150127-leerer-stuhl-rede\/","title":{"rendered":"Rede von Almuth David zur Einweihung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-115 size-full\" src=\"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/leererStuhl-120x120.jpg\" alt=\"leererStuhl-120x120\" width=\"120\" height=\"120\" \/><a title=\"Fotos \u201cLeerer Stuhl\u201d (1)\" href=\"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/K\/150127-leerer-stuhl-01\/\">Fotos<\/a><br \/>\n<a title=\"Gedenk-Skulptur \u201cLeerer Stuhl\u201d eingeweiht\" href=\"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/K\/150127-leerer-stuhl-eingeweiht\/\">Leerer Stuhl wird eingeweiht<\/a><\/p>\n<p>Liebe Anwesende,<br \/>\nIch spreche hier f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/spuren-muenchen.de\/InsLicht\/index.html\" target=\"_blank\">Geschichtswerkstatt &#8222;J\u00fcdisches Leben in Pasing&#8220;<\/a>. Als unsere 14-k\u00f6pfige Gruppe im Herbst 2005 mit der Spurensuche nach einstigem j\u00fcdischen Leben in Pasing, <!--more-->Obermenzing und Aubing begann, hatten wir nicht erwartet, so viele Familien und Einzelpersonen j\u00fcdischer Herkunft zu finden. Sie waren einmal Teil der hiesigen Gesellschaft gewesen, aber aus dem Ged\u00e4chtnis der heutigen Bev\u00f6lkerung waren sie verschwunden. Erst durch unsere gemeinsame Archivarbeit \u00fcber drei Jahre konnten wir, aus Bruchst\u00fccken zusammengesetzt, einige j\u00fcdische Lebens-wege im M\u00fcnchener Westen &#8222;ins Licht r\u00fccken.&#8220; Hilfe erhielten wir auch durch einige wenige Nachfahren der vertriebenen Familien, die wir durch unsere Spurensuche gefunden hatten.<\/p>\n<p>Bei unserer Arbeit stellten wir fest, dass diese j\u00fcdischen Familien nicht in einem Ghetto gelebt und gearbeitet hatten, sondern verteilt \u00fcber den ganzen M\u00fcnchner Westen. Sie kamen aus allen Gesellschafts- und Berufschichten. Zu ihnen z\u00e4hlten Fabrikanten, H\u00e4ndler, ein Friseur, eine Schneiderin, Kaufleute, ein Stadtphotograph, ein Operns\u00e4nger, \u00c4rzte und Buchh\u00e4ndler. Einige von ihnen waren schon im 19. Jahrhundert gekommen, und hatten als Pioniere Fabriken gebaut oder finanziert und zur Entwicklung des Dorfes Pasing zur Stadt beigetragen.<\/p>\n<p>Dieser Leere Stuhl soll an die verschwundenen Juden im M\u00fcnchner Westen erinnern. Sein Standort ist, finde ich, gut gew\u00e4hlt: ein ruhiger, jedoch zentraler Ort zum Nachdenken \u00fcber das, was nicht mehr ist. <span style=\"text-decoration: underline;\">Vier<\/span> ehemalige j\u00fcdische Bewohner, die einmal in Fu\u00dfentfernung von hier lebten und arbeiteten, seien stellvertretend f\u00fcr viele andere genannt:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00a050 Meter n\u00f6rdlich von hier, da wo jetzt das neue Pasinger B\u00fcrgerzentrum steht, hatte der j\u00fcdische Stadtphotograph <strong>Albert Lehmann<\/strong> \u00fcber der Pferderemise des englischen Malers und Fotographen George Davis sein letztes Atelier. Zuvor hatte er hoch \u00fcber dem Pasinger Marienplatz in einem Dachgeschossatelier im Kringshaus gethront. Viele der bekannten historischen Stadtansichten von Pasing stammen von ihm, auch die des j\u00fcdischen Kaufhauses Neuburger am Pasinger Bahnhof von 1905. Albert Lehmann lebte von 1899 bis zu seinem Tod 1943 im eigenen Haus in der heutigen Varnhagenstra\u00dfe. Er ist als einer der letzten Juden auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in M\u00fcnchen bestattet. Er war in zweiter Ehe mit einer Nichtj\u00fcdin verheiratet.<\/li>\n<li>50 Meter s\u00fcdwestlich von hier besa\u00df <strong>Helene Regensteiner<\/strong>, die Witwe des Autofabrikanten Siegfried Regensteiner, ein stattliches Haus mit gro\u00dfem Garten. Siegfried Regensteiners Vater Albert hatte schon 1892 in der Exter-Kolonie 1 eine gro\u00dfe Schuhfabrik und Villa gebaut. F\u00fcr den Neubau des Pasinger Rathauses musste 1935\/36 das Regensteiner -Haus zusammen mit dem benachbarten Lapphaus weichen. 1935 bekam Frau Regensteiner f\u00fcr ihre Immobilie noch einen fairen Preis von der Stadt Pasing. Nach Zahlung einer horrenden \u201eReichsfluchtsteuer\u201c konnte sie endlich im April 1940 Deutschland verlassen. Ihr inzwischen auf einem Sperrkonto eingefrorenes Verm\u00f6gen fiel jedoch an das Deutsche Reich. Sie fand Zuflucht bei ihrem bereits 1933 nach Chicago ausgewanderten Sohn Karl. Dort starb sie 1952. Nichts mehr erinnert an das ehemalige Regensteiner -Haus, aber der sog. Hochzeitsbrunnen vor dem Rathaus steht da, wo einmal der Garten war. Die heute stattliche Linde beim Brunnen ist ein Relikt aus diesem Garten.<\/li>\n<li>Im benachbarten Lapphaus, M\u00fcnchner-Stra\u00dfe 15, dem heutigen Standort des Rathaussaals, wohnte der Friseur <strong>Josef H\u00f6nig<\/strong>. Schr\u00e4g gegen\u00fcber, im Kringshaus am Marienplatz, betrieb er seinen eigenen \u201eHerren- und Damen-Frisier-Salon\u201c. Am 1. April 1933, dem reichsweit ausgerufenen Tag des sog. \u201eJudenboykotts\u201c, wurde seine Ladent\u00fcr mit der Aufschrift \u201eJude\u201c \u00fcberklebt und von SA-Leuten umstellt, um Kunden am Betreten des Gesch\u00e4fts zu hindern. Ein seltenes Foto von diesem f\u00fcr Juden so schrecklichen Tag dokumentiert das Pasinger Ereignis.1934 zog Josef H\u00f6nig mit seinem Friseursalon in das Lapphaus um, musste aber schon Ende 1935 sein Gesch\u00e4ft aufgeben, weil das Haus f\u00fcr den Rathausneubau abgerissen wurde. Arbeitslos zog er nach M\u00fcnchen. Ende Juli 1939, kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, konnte er mit seiner Frau nach Genua fliehen.<\/li>\n<li>Als viertes Beispiel sei <strong>Emil Neuburger<\/strong> genannt, der seit 1901 nicht weit von hier am Pasinger Bahnhofsplatz \u00fcber 30 Jahre das beliebte \u201ePasinger Kaufhaus\u201c betrieb. Seit mehreren Jahren steht das Geb\u00e4ude unter Denkmal-schutz; es wurde soeben musterg\u00fcltig restauriert. Im Volksmund hei\u00dft es heute Bohnhaus, nicht mehr Neuburgerhaus. Das hei\u00dft man hat den ehemaligen Kaufhausbesitzer Emil Neuburger vergessen. Dabei war er vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Pasing ein hoch angesehener sozial engagierter Pasinger B\u00fcrger, der sich als gew\u00e4hlter Magistratsrat vor allem f\u00fcr die Arbeiterschaft einsetzte. Er engagierte sich f\u00fcr die Schaffung von Kleinwohnungen und Genossenschaftsbau. W\u00e4hrend des 1. Weltkriegs bot sein Kaufhaus Rabatte f\u00fcr Familien von Kriegsteilnehmern und Arbeitslosen. Emil Neuburger starb 1938 in Pasing, kurz vor der mit seiner Frau geplanten Emigration zu den beiden Kindern nach New York. 2010, endlich, wurde eine neue Stra\u00dfe in Pasing nach ihm benannt; ein Zusatzschild weist auf seine Verdienste um Pasing hin.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Anteil der Juden an der Bev\u00f6lkerung des M\u00fcnchner Westens war nicht gro\u00df. Von denen, deren Lebenswege wir aufsp\u00fcren konnten, fanden <span style=\"text-decoration: underline;\">16<\/span> einen gewaltsamen Tod, entweder durch Suizid, die Folgen von Inhaftierung oder Zwangsarbeit, oder nach ihrer Deportation in den Osten. <span style=\"text-decoration: underline;\">24<\/span> ehemalige Bewohner konnten mit ihren Angeh\u00f6rigen durch Emigration der Vernichtung entkommen. <span style=\"text-decoration: underline;\">7<\/span> \u00dcberlebende kehrten im Juni 1945 aus Theresienstadt zur\u00fcck. Alle wurden aus ihrer eingeschlagenen Lebensbahn geworfen.<\/p>\n<p>Der Leere Stuhl soll ein <span style=\"text-decoration: underline;\">zentrales<\/span> sichtbares Denkzeichen an die j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger sein, die hier w\u00e4hrend des Nationalsozialismus unter Zwang ihren Wohnsitz verloren. W\u00fcnschenswert w\u00e4re eine Erg\u00e4nzungstafel mit ihren Namen, wenn deren Nachfahren einverstanden sind. Denkbar w\u00e4ren zus\u00e4tzlich <span style=\"text-decoration: underline;\">lokale<\/span> sichtbare Zeichen an oder vor den einstigen Wohn- und Arbeitsorten.<\/p>\n<p>Almuth David<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fotos Leerer Stuhl wird eingeweiht Liebe Anwesende, Ich spreche hier f\u00fcr die Geschichtswerkstatt &#8222;J\u00fcdisches Leben in Pasing&#8220;. Als unsere 14-k\u00f6pfige Gruppe im Herbst 2005 mit der Spurensuche nach einstigem j\u00fcdischen Leben in Pasing,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/229"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=229"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/229\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":241,"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/229\/revisions\/241"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}