{"id":5193,"date":"2020-02-07T19:32:09","date_gmt":"2020-02-07T19:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/K\/?p=5193"},"modified":"2020-02-07T19:46:02","modified_gmt":"2020-02-07T19:46:02","slug":"200123-rathaus-gloria-gans-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/200123-rathaus-gloria-gans-rede\/","title":{"rendered":"Ich denke \u00fcber vieles nach"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/K\/200123-rathaus-gloria-gans\/\">zur\u00fcck zur Hauptseite Gloria Gans<\/a><\/p>\n<h2>\u201eIch denke \u00fcber Vieles nach.\u201c<br \/>\n&#8230; \u201eIch bin nicht mehr ganz von dieser Welt.\u201c<\/h2>\n<p>Das Paar Klara und Rudi. Der Mann, alt und krank, seit Wochen wartet er nur noch auf seinen Tod.Schlaf, Halbschlaf, qu\u00e4lendes Erwachen, Gegenwart, Vergangenheit, die Zukunft der anderen, die Trauer, bald nicht mehr dazuzugeh\u00f6ren, Bangen vor dem Ende oder ist es wieder ein Anfang?<br \/>\nUnd wieder kann der Mann sich nicht den qu\u00e4lenden Bildern erwehren, die ihn fast t\u00e4glich seit 73 Jahren schon heimsuchen. Als junger Marinesoldat mit auf dem Schnellboot, als in der Nacht des 30. Januar 1945 der SOS-Ruf eintrifft.<\/p>\n<p>Das ehemalige Luxus-Kreuzfahrtschiff der Nazis, die Wilhelm Gustloff mit \u00fcber 10.000 Fl\u00fcchtlingen aus Ostpreu\u00dfen an Bord ist auf dem Tiefwasserweg in der Ostsee von drei sowjetischen Torpedos getroffen worden.\u00a0 -20 Grad Au\u00dfentemperatur, Menschen treiben im Wasser, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Fast leblose K\u00f6rper werden an Bord gezogen, der Ausdruck der Gesichter gr\u00e4bt sich tief in das Ged\u00e4chtnis des Soldaten ein. Das Entsetzen, die wie wild flackernden Augenlider der Frauen. Die Bilder dieser Nacht wird der Mann nie mehr los. Noch als Neunzigj\u00e4hriger muss er weinen, wenn er davon spricht. In jener Januarnacht sterben \u00fcber 9.000 Menschen im Meer, etwa sechsmal mehr als beim Untergang der Titanic.<\/p>\n<p>Ca. 10.000 Menschen sterben im Mittelmeer seit 2014. Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung, vor wirtschaftlicher Not. Oft dabei ist der Luxus der Einen, also unser Luxus, die Not der Anderen. Nachdem Mare Nostrum, eine Operation der italienischen Marine und K\u00fcstenwache seinen Dienst einstellt, retten im Mittelmeer vor allem NGOs.<\/p>\n<p>NGOs agieren zivil, international, selbstverwaltend, und nicht<br \/>\ngewinnorientiert. Nach internationalem Seerecht haben alle Kapit\u00e4ninnen und Kapit\u00e4ne die Pflicht, Schiffsbr\u00fcchigen in Seenot zu helfen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein NGO gezielt rettet oder ob ein Schiff zuf\u00e4llig in Seenot geratene Menschen aufnimmt. Das Patrouillieren ausl\u00e4ndische Seenotrettungsschiffe im libyschen K\u00fcstenmeer w\u00e4re als Verletzung des Territorialprinzips zu werten, liegt aber ein konkreter Seenotfall vor, trifft die allgemeine Pflicht zur Seenotrettung. Viele Fl\u00fcchtlingsboote sinken schon im libyschen K\u00fcstenmeer.<\/p>\n<p>Leider gibt es eine L\u00fccke im Seev\u00f6lkerrecht, denn ein angesteuerter Hafen muss ein Rettungsboot nicht einlaufen lassen. Bisher wird also das Nothafenrecht infrage gestellt. Setzen sich Kapit\u00e4ninnen und Kapit\u00e4ne \u00fcber das Verbot der Hafeneinfahrt hinweg, laufen sie Gefahr, festgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Der Sea-Watch-Kapit\u00e4nin Carola Rackete wird kein Orden daf\u00fcr verliehen, dass sie das tut, was doch die Staatengemeinschaft bei Seenotf\u00e4llen tun sollte, n\u00e4mlich Leben zu retten. F\u00fcr ihre Empathie, f\u00fcr ihre Strapazen, f\u00fcr ihre Bereitschaft, in Zukunft mit den Bildern Untergehender und Ertrunkener zu leben, wird sie bestraft.<br \/>\nEtliche zivile Rettungsschiffe d\u00fcrfen die H\u00e4fen nicht mehr zu weiteren Rettungsaktionen verlassen.<br \/>\nEine verkehrte Welt ist das.<br \/>\nCarola Rackete verbringt einige Tage in Hausarrest und erst am 17.1.2020 lehnt das oberste Gericht Italiens endg\u00fcltig den im Juli 2019 erhobenen Einspruch gegen ihre Freilassung ab. Die Kapit\u00e4nin nennt dies ein wichtiges Urteil f\u00fcr alle Seenotretter.<\/p>\n<p>Aktuell wird folgendes verhandelt: Nach dem Willen einiger europ\u00e4ischer Innenminister sollen Rettungsschiffe Italien und Malta anlaufen d\u00fcrfen und von dort sollen die Migranten in Europa verteilt werden. &#8230; Aber werden endlich alle europ\u00e4ischen L\u00e4nder Gefl\u00fcchtete aufnehmen und werden Italien und Malta besser unterst\u00fctzt als die griechischen Inseln der \u00c4g\u00e4is, wo soeben allein fast 2.000 minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge einen Winter im Elend verbringen?<\/p>\n<p>Carola Rackete hat ein Buch geschrieben mit dem bezeichnenden Titel \u201eHandeln statt hoffen: Aufruf an die letzte Generation.\u201c<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Klara und Rudi. Auch Klara ist alt und krank. Seit geraumer Zeit schon mischen sich in ihrem Denken Vergangenheit und Gegenwart. Traumgebilde. Gegen Abend wiederholt der Satz:<br \/>\n\u201eKomm, beeile dich, nimm unsere Stiefel aus dem Schrank, damit wir keine nassen F\u00fc\u00dfe bekommen, schnell, der alte Roth, der F\u00e4hrmann wartet\u201c.<br \/>\nStimmt.<br \/>\nDie Zeit wird knapp. Wenn wir so weitermachen, bekommen wir alle ganz bald schon sehr nasse F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zur\u00fcck zur Hauptseite Gloria Gans \u201eIch denke \u00fcber Vieles nach.\u201c &#8230; \u201eIch bin nicht mehr ganz von dieser Welt.\u201c Das Paar Klara und Rudi. 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