{"id":5778,"date":"2021-01-15T12:12:12","date_gmt":"2021-01-15T12:12:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kulturforum-mwest.de\/K\/?p=5778"},"modified":"2021-02-01T12:24:21","modified_gmt":"2021-02-01T12:24:21","slug":"210127-quattrocentismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturforum-mwest.de\/1.0\/K\/210127-quattrocentismus\/","title":{"rendered":"Reinhold Heller und der \u201eQuattrocentismus"},"content":{"rendered":"<p>Zur Ausstellung \u201eQuattrocento&#8220; in der Klostergalerie St. Ottilien, noch bis 28.02.2021<\/p>\n<p><strong>Reinhold Heller und der \u201eQuattrocentismus\u201c \u2013 eine Retrospektive von Peter R\u00f6\u00dfler<\/strong><\/p>\n<p>Wir Vier &#8211; <strong>Siegfried Haberer, Reinhold Heller, Peter R\u00f6\u00dfler und Klaus Wich<\/strong> &#8211; bildeten von 1955 bis 1959 eine K\u00fcnstlergruppe und gaben uns selbstironisch und zugleich programmatisch den Namen \u201eQuattrocentismus\u201c. In unserer unmittelbaren N\u00e4he in der Akademie der Bildenden K\u00fcnste M\u00fcnchen formierte sich gleichzeitig die Gruppe SPUR. Sie sollte sp\u00e4ter einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Moderne leisten. Wir aber schlugen Wege ein, die in andere Richtungen f\u00fchrten. Nach Auffassung unseres Lehrers Richard Seewald, dessen Klasse wir w\u00e4hrend seiner gesamten Lehrt\u00e4tigkeit in M\u00fcnchen besuchten, war eine vordringliche Aufgabe des K\u00fcnstlers, die Wahl eines bedeutenden Themas. Nach der Barbarei des Dritten Reiches, die wir miterlebt hatten, sei diese am Ehesten in abendl\u00e4ndischer Tradition von Antike und Christentum zu finden. Seewalds formales Repertoire ging auf griechische Vasenmalerei zur\u00fcck und Grundz\u00fcge seiner Malerei auf das Trecento oder das fr\u00fche Quattrocento. Zugleich aber versuchte er jeden Sch\u00fcler in seiner speziellen Begabung und Neigung zu f\u00f6rdern. Haberer tendierte zum Surrealismus, Heller zu Barockem, Wich &#8211; t\u00e4tig in einer Bildhauerklasse \u2013 zur geschlossenen plastischen Form. In der Sp\u00e4tphase des Quattrocentismus kam er der Malerei Hellers am n\u00e4chsten. Ich selbst wusste nicht, wo meine eigentliche Begabung lag. Wie mir meine Zeichnungen von damals zeigen und meine sp\u00e4tere Kunstproduktion, w\u00e4re es wohl eher das expressiv- Informelle gewesen. Ich war ein Antipode meines hochverehrten Lehrers ohne dies zu ahnen. Seewald sah in der gegenstandslosen Kunst einen gef\u00e4hrlichen Irrweg, vor dem er \u2013- ein eloquenter Literat und P\u00e4dagoge &#8212; uns eindringlich warnte. Eine weitverbreitete Meinung war damals, dass die Moderne in einem unumkehrbaren Prozess in die gegenstandslose Kunst m\u00fcnden m\u00fcsse. Ein wichtiger Vertreter dieser Auffassung war Werner Haftmann. Die Aussicht, dass dieser eine Berufung an die Akademie bek\u00e4me, veranlasste Seewald, seine Professur niederzulegen.<\/p>\n<p>Seewalds Kunst standen wir skeptisch gegen\u00fcber. Seine d\u00fcnnen Linien nannten wir Dr\u00e4hte, das Pathos, mit dem er das Symbolische und Metaphysische beschwor, fanden wir \u00fcberzogen, seine Malerei nicht mehr auf der H\u00f6he seiner Fr\u00fchzeit. Die Meinung, das Gegenstandslose sei \u00fcberholt und l\u00e4ngst historisch, \u00fcbernahmen wir. Bald nach der Aufl\u00f6sung unserer Gruppe f\u00fchrte das zu einem Nachholbedarf an Moderne, wie ihn am konsequentesten Heller in seinem nachmaligen Werk in der Gruppe \u201eGeflecht\u201c zeigt. Vorerst aber pilgerten wir nicht zum \u201eHeiligen Wassily\u201c in das Lenbachhaus wie die Kollegen von der Gruppe SPUR, sondern nach Italien, dem Vorbild Seewalds folgend: nach Ravenna, Siena und Florenz. Seewald sah dies gern, gab dazu auch w\u00e4hrend des Semesters seine Einwilligung mit der Mahnung, viele Skizzen mitzubringen. Aber nur einer von uns wurde so zu einem echten Quattrocentisten: Reinhold Heller. Er f\u00fcgte in seine Malerei Versatzst\u00fccke z.B. aus den Bildern Duccios und Lorenzettis ein. Das zeigen seine formelhaften Darstellungen von H\u00e4nden, knochenlosen Figurinen und kulissenhaften Architekturen. Die starken Lokalfarben verband er durch eine gr\u00fcne Imprimitur mit Wei\u00dfh\u00f6hung in Eitempera zu einem ged\u00e4mpften Gesamtton. Zu diesen \u00c4u\u00dferlichkeiten kam auch ein Hauch sp\u00e4tgotischer Gef\u00fchligkeit: vertr\u00e4umt, lyrisch, m\u00e4rchenhaft. In seinen gro\u00dfartigen Portr\u00e4ts finden sich sogar noch fr\u00fchere Einfl\u00fcsse &#8212; Ravenna l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Aber bei ihm blicken die Augen nicht in die Ewigkeit wie bei den Vorbildern, sondern nach innen, als ob sie lauschen w\u00fcrden &#8212; so wie er selbst sehr oft. Das war typisch f\u00fcr Reinhold. Er besa\u00df nach eigener Aussage die seltene F\u00e4higkeit der Syn\u00e4sthesie: Er h\u00f6rte Farben und sah Kl\u00e4nge. Dann wirkte er ein wenig abwesend und zugleich sehr konzentriert, wenn es um Bildbetrachtung ging, da er zwei gleichstarke Sinneseindr\u00fccke verarbeiten musste. Hellers Methode erinnert entfernt an die der Pittura Metafisica, aber ohne deren magischen und technoiden Anspruch. Seinen Portr\u00e4ts fehlt die psychologisierende Komponente. Er war auch kein Neo-Nazarener; denn seine verknappende Formensprache und Begabung zum Monumentalen beschr\u00e4nkte sich auf das Wesentliche und suchte das Allgemeine an der Grenze zum Schematischen. Damit erreichte zun\u00e4chst n u r\u00a0 e r das Ziel unserer Gruppe: Wir wollten im Kollektiv den Subjektivismus \u00fcberwinden, von dem die Akademie, Seewalds Meinung nach und unserer, befallen war. Wie wir \u2013 nat\u00fcrlich nur in den anderen Malklassen! &#8212; beobachteten, war dort jeder ein Genie und \u00fcberbot das andere, kultivierte die eigene K\u00fcnstlerhandschrift und sch\u00f6pfte aus der Tiefe des Unbewussten, um zum Archetypischen zu gelangen. Dies \u00e4hnelte in der Regel der Malerei des Professors. Doch aus Heller wurde kein neuer Seewald. Auch mit anderen Malern der Gegenst\u00e4ndlichkeit hatte er kaum Gemeinsamkeiten. Das empfanden nicht nur wir als eine Sensation.<\/p>\n<p>Die beiden Werke, die wir neben kleineren Auftr\u00e4gen tats\u00e4chlich gemeinsam schufen, waren das gro\u00dfe Gruppenselbstportr\u00e4t und die Wandmalerei im riesigen barocken Betsaal in einem Kloster in Amberg. Ihre Einheitlichkeit verdanken sie der abschlie\u00dfenden teilweisen \u00dcbermalung durch Heller.<\/p>\n<p>Dem M\u00e4nnerbund schlossen sich sp\u00e4ter Kolleginnen an. Sie hatten ihre eigenen k\u00fcnstlerischen Wege l\u00e4ngst gefunden. Margit Buchner zeigte eine geheimnisvolle M\u00e4rchenwelt; Anne Freyberger und Elfriede Widmoser heimatliche Landschaft. Mir selbst gelang es \u2013- bei aller Bem\u00fchung &#8212; nicht, Hellers Stil zu folgen. Solche Versuche landeten fast alle auf dem Sperrm\u00fcll.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass unser Quattrocentismus auch von etwas schwer Beschreibbarem gepr\u00e4gt war: Der eigent\u00fcmlichen Gruppenatmosph\u00e4re, die sich im Laufe von f\u00fcnf Jahren N\u00e4he herausgebildet hat. Dazu noch einige Informationen: Haberer, Heller und ich arbeiteten ein Semester lang zusammen in der Lehrwerkst\u00e4tte f\u00fcr Maltechnik. Dort lernten wie Pinsel s\u00e4ubern, Leinw\u00e4nde grundieren, Fassungen freilegen und farbige Muster entwerfen. Bilder malen war untersagt. Das Lehramtssemester motivierte kaum f\u00fcr den sp\u00e4teren Beruf; wenigstens konnten wir danach schlecht und recht ein Plakat gestalten und kannten einige Kompositionsregeln. Unsere ambivalente Haltung zu unserem Lehrer Richard Seewald habe ich oben beschrieben. In seiner Klasse war zielgerichtete und intensive Arbeit gefordert. Seewalds h\u00e4ufige Anwesenheit f\u00fchrte schlie\u00dflich dazu, dass wir vier gemeinsam eine Wohnung bezogen. Hier konnten wir ungest\u00f6rt diskutieren und arbeiten. Danach verlagerten wir uns in einen Hinterhof im Lehel in die Steinbaracke einer ehemaligen Waschk\u00fcche. Deren Au\u00dfenmauer bemalten wir mit einer griechischen S\u00e4ulenordnung. Der gro\u00dfe Zentralraum wurde zu unserem Empfangs-, Ausstellungs-, Mal-, und Fest-Saal. Hier stand das gro\u00dfe Fass \u201eUngarischen Stierbluts\u201c, das wir uns nach dem Verkauf des gro\u00dfen Bildes im Haus der Kunst leisten konnten. Ein alles beherrschendes Fluidum schuf gemeinsames Musizieren. Alle, au\u00dfer mir, spielten mehrere Instrumente: Mundharmonika, Fl\u00f6te, Geige, Trompete und Schlagzeug wurden eingesetzt. Dazu kamen auch G\u00e4ste, wie der sp\u00e4ter bekannte Arch\u00e4ologe Thuri Lorenz. In seinem Auftritt als Solot\u00e4nzer \u00fcberlebte \u2013 so erschien es uns \u2013 etwas von der Ekstase des Dionysischen. Eine bessere Akustik hatten allerdings die Hallen der Akademie, wobei Seewald oft und gern zugegen war.<\/p>\n<p>Von der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit f\u00fcr unser Bild im Haus der Kunst mit dem Motto \u201eAufbruch zur Moderne\u201c wurden wir \u00fcberrascht. Unser Gruppenbild widersprach dem Thema, erregte Ansto\u00df und Bewunderung; es irritierte. Die danach folgende Bilderpr\u00e4sentation im Schaezler- Palais Augsburg wurde damals im noch jungen Fernsehen gebracht. Bedeutende Kunstleute: Norbert Lieb, Susanne Carvin und Erich Pfeiffer-Belli beachteten und kritisierten uns. Lieb sehr positiv, Carvin leicht sp\u00f6ttisch und Pfeiffer-Belli emp\u00f6rt \u00fcber Richard Seewald, dem er vorwarf, die Jugend klassizistisch verf\u00fchren zu wollen. Wie man das heute auch immer einsch\u00e4tzen mag: Progressiv, geradezu prophetisch in die Zukunft weisend, war unser Glaube an die M\u00f6glichkeiten von Stilpluralismus, Eklektizismus und Historismus, die wir auch realisierten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Ausstellung \u201eQuattrocento&#8220; in der Klostergalerie St. Ottilien, noch bis 28.02.2021 Reinhold Heller und der \u201eQuattrocentismus\u201c \u2013 eine Retrospektive von Peter R\u00f6\u00dfler Wir Vier &#8211; Siegfried Haberer, Reinhold Heller, Peter R\u00f6\u00dfler und Klaus Wich &#8211; bildeten von 1955 bis 1959 eine K\u00fcnstlergruppe und gaben uns selbstironisch und zugleich programmatisch den Namen \u201eQuattrocentismus\u201c. 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